Handwerk in Brandenburg

Stellmacher-Familie Lehnhardt - Die Geschichte von drei Generationen

Lothar Lehnhardt, Leiter des Dorfmuseums Tremmen und Nachfahre einer Stellmacher-Familie, vermittelt im folgenden Text einen ausführlichen Einblick in den Alltag eines Dorfhandwerks und den Wandel der Tätigkeit im Verlauf von 80 Jahren.

Die Familie Lehnhardt ist nachweislich seit 1732 in Tremmen ansässig.1)
Von Joachim Christian Lehnhardt sen. (1784-1852) gingen die zwei verschiedenen Tremmener Linien aus, nämlich über dessen Sohn August Friedrich Gottlieb Lehnhardt (1825-1865) und dessen Nachfahren zur bäuerlichen Linie und über den anderen Sohn, Joachim Christian Lehnhardt jun. (1812-1881) und dessen Sohn Ferdinand (1852-1936) zur Stellmacherlinie.
Der Stellmacher Ferdinand Lehnhardt kaufte im Alter von 27 Jahren von der Witwe Sophie Lemke im Jahre 1879 für 5100 Mark das Haus und Grundstück der heutigen Heerstraße 6 und richtete in der einen Hälfte des Hauses eine Stellmacherei ein, in der anderen Hälfte wurde gewohnt. Das Dachgeschoss des Hauses diente zunächst als Materiallager. Das Handwerkszeug übernahm Ferdinand von seinem Onkel, dem Stellmachermeister Friedrich Wagenitz aus dem Nachbardorf.
1882 heiratete Ferdinand Frau Wilhelmine Krause. Sie hatten 4 Kinder, von denen zwei sehr früh starben. Das älteste Kind war Otto Franz Bernhard (geb. 23.5.1893). Als Otto im Jahre 1913 die Fischerstochter Luise Bertz aus Ketzin heiratete, übertrug ihm sein Vater – Ferdinand war da 61 Jahre alt – die Stellmacherei. Um diese Zeit wurde ein neues Werkstattgebäude errichtet, das unmittelbar an das Wohnhaus angebaut wurde. Im Erdgeschoss entstand ein großer Produktionsraum, im Obergeschoss wurde Material gelagert, und es wohnten hier auch die Lehrlinge und Gesellen, die von der „Frau Meisterin“ mit versorgt wurden. Das ursprüngliche Haus wurde nun nur noch für Wohnzwecke genutzt; immerhin wohnten ab jetzt immer die Familien von zumindest zwei Generationen zusammen im Haus. Trotzdem wurde die „gute Stube“ eigentlich nur zu Feiertagen benutzt.

Mit der Elektrifizierung des Dorfes wurde die Werkstatt komplett modernisiert. Es wurden elektrische Bandsäge, Hobelmaschine und Fräse installiert, die über eine Transmission angetrieben wurden. Offensichtlich wurden alle diese Investitionen ohne Kredit getätigt; das Handwerk muss also gut gelaufen sein. Das ist insofern verständlich, da der Stellmacher der einzige im Dorf war, während es in dieser Zeit zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg viele andere Gewerke wie Tischler, Zimmermann, Schuster und Bäcker gleich mehrfach im Dorf gab. Außerdem bescherte die reiche Bauernschaft des Dorfes eine sehr gute Auftragslage, insbesondere für die Herstellung aller Varianten von Ackerwagen, aber auch von Scheunentoren und Angelkähnen. Obwohl die Werkstatt so groß war, dass neben dem Meister noch 2 Gesellen und mehrere Lehrlinge an den Werkbänken arbeiteten, mussten dann die Ackerwagen auf dem Hof zusammengebaut werden – sie hätten sonst zum Schluss nicht durch die Tür gepasst! Der Hof war außerdem Lagerstätte für viel Holz, das abtrocknen musste. Dazwischen liefen Hühner, Gänse und Ziegen umher – man war zum großen Teil Selbstversorger. Ein Hausgarten gehörte auch dazu und das Recht, in den nahen Erdlöchern fischen zu gehen.

In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte der kleine Handwerksbetrieb sicher den Höhepunkt seiner Entwicklung. Am 23. Juli 1935 konnte Otto Lehnhardt sen. sein 25jähriges Meisterjubiläum begehen, am 1. August 1938 sein 25jähriges Geschäftsjubiläum. 2) Aber persönlich musste der Stellmachermeister Otto Lehnhardt mehrere Schicksalsschläge überstehen: Seine Frau starb schon 1932. Er heiratete ein zweites Mal, doch auch diese Frau starb bald (1944). Nach dem 2. Weltkrieg heiratete er eine in Berlin ausgebombte Kaufmannsstochter. Ohne Frau ging es in einem kleinen Betrieb eben nicht.

Der einzige Sohn aus erster Ehe, Otto jun. (geb.7.2.1921), musste natürlich mit 14 Jahren beim Vater in die Lehre gehen, um den Betrieb später übernehmen zu können. Die Lehrzeit betrug 3 Jahre. Die Berufsschule besuchte Otto in Brandenburg an der Havel und legte 1938 die Gesellenprüfung ab. Aber 1939 begann der 2. Weltkrieg, und Otto wurde mit 18 Jahren zur Wehrmacht eingezogen.

Während es Krieges bestanden die Arbeiten in der Stellmacherei überwiegend in der Ausführung von Reparaturarbeiten, wie die alten Geschäftsbücher zeigen. Ab 1941 waren in Tremmen französische Kriegsgefangene kaserniert. Am Tage wurden diese auf die Bauern- und Handwerkergehöfte verteilt und mussten dort arbeiten. Die Fotos aus dieser Zeit lassen aber vermuten, dass man die jungen Franzosen ordentlich behandelte und verpflegte.

Nach 1945 gab es noch einmal einen Aufschwung für die Stellmacherei. Viele Umsiedler aus früheren Ostgebieten erhielten durch die Bodenreform Land und bauten sich eine Bauernwirtschaft auf, wofür sie natürlich Kasten- und Leiterwagen, Milchkannenschlitten und Handwagen benötigten. Otto jun. hatte die 6 Jahre Krieg überstanden, konnte fleißig mithelfen und gründete 1947 eine eigene Familie.

Aber bald danach kamen die Ackerwagen mit Gummibereifung auf, und sie wurden industriell gefertigt. Die Aufträge nahmen dramatisch ab. Die Leute im Dorf ließen in der Stellmacherei nur noch ihr Brennholz schneiden oder mal einen Stuhl leimen.

Sohn Otto jun. hatte nun kein Auskommen mehr in der Stellmacherei und musste sich, um seine Familie mit letztlich 3 Kindern ernähren zu können, woanders verdingen und arbeitete dann in seinem Beruf in der sog. Baubrigade der LPG. Bald darauf nahm er eine Ausbildung zum Lehrer auf – denn nach dem Krieg war ein großer Bedarf an Lehrern. Als Werklehrer konnte er seine handwerklichen Fähigkeiten an Schulkinder weitergeben.

Sein Vater Otto Lehnhardt sen. arbeitete zum Schluss nur noch allein in seiner Werkstatt, und mit seinem Tode im Jahre 1958 wurde die Stellmacherei nach knapp 80 Jahren Existenz für immer geschlossen.

Anschließend verharrte die Werkstatt 40 Jahre lang „im Dornröschenschlaf“, bis im Jahre 1998 der älteste Sohn von Otto Lehnhardt jun. und seine Schwester auf die Idee kamen, daraus ein kleines Handwerkermuseum zu machen. Über die Gründung eines Fördervereins und durch dessen Initiative und Tatkraft und mit kommunaler Unterstützung entstand daraus das Dorfmuseum Tremmen, das im Jahre 2000 eröffnet wurde und seitdem in der Region viel besucht ist.

 

Quellen:

  1. Alpermann, G.: Höfe und Familien in Tremmen (Westhavelland) 1520-1945. Schriftenreihe der Stiftung Stoye, Bd. 11. Verlag Degener &Co., Neustadt an der Aisch (1981).

  2. Havelzeitung – Tageszeitung für Rathenow und Westhavelland, 1. Aug. 1938

 

2017-09-29

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